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Droht eine neue Julikrise?

Droht eine neue Julikrise?

Die heutige Welt ist äußerst komplex und konfliktgeladen. Odd Arne Westad sieht in ihr Analogien zur Lage vor 1914, deren Konflikte im Ersten Weltkrieg eskalierten. Eine Rezension

Beim französischen Thiepval in der Picardie erinnert ein großes Denkmal an 72 000 britische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg während der Schlacht an der Somme vermisst wurden und nicht in eigenen Gräbern bestattet sind. Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajevo und der anschließenden Julikrise war die Situation zwischen den europäischen Großmächten zweier verfeindeter Bündnissysteme und Serbien verhängnisvoll eskaliert. Das führte Ende Juli / Anfang August 1914 zu einer Folge von Kriegserklärungen und damit zum Ersten Weltkrieg. Die zwischen Juli und November 1916 geführte Schlacht an der Somme gehört zu den größten und ist mit etwa einer Million Opfern auch eine der verlustreichsten dieses Kriegs. Insgesamt forderte der Erste Weltkrieg unter Soldaten und Zivilisten etwa 40 Millionen Tote, Verwundete und Vermisste. Zwar liegt dieser Krieg – zu Recht oft als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« bezeichnet – über 100 Jahre zurück. Doch die Opferzahlen und Denkmäler wie das von Thiepval sind für den norwegischen Historiker Odd Arne Westad noch heute eine Warnung: davor, was geschehen kann, wenn die weltpolitische Lage durch eine Verkettung politischer und militärischer Entscheidungen, eine aggressive Bündnispolitik, Ressentiments und Fehleinschätzungen eskaliert. Umso beängstigender wirkt es da, wenn Westad argumentiert, dass die konfliktreiche weltpolitische Lage des 21. Jahrhunderts viele Ähnlichkeiten zur Welt vor 1914 besitzt – und er gleich auf mehrere Analogien hinweist. Gefahren einer multipolaren Welt Nach einer Einführung gliedert sich seine Darstellung in drei große Kapitel: »Der Aufstieg der Großmächte«, »Ängste und Ressentiments« sowie »Kriegsgründe«. »Ein Plädoyer für den Frieden« beschließt das Buch. Westad wendet sich dabei ausdrücklich gegen die weitverbreiteten Vergleiche der aktuellen Situation mit dem Kalten Krieg. Denn in einer solchen Perspektive werde die heutige geopolitische Lage zu stark bipolar interpretiert. Die Welt des 21. Jahrhunderts sei dagegen eher multipolar, zudem unübersichtlicher und von mehr konkurrierenden Machtzentren geprägt als die Epoche zwischen 1945 und 1990. Westad argumentiert, dass die Welt vor 1914 genau wie die heutige vom Machtverlust etablierter und dem Aufstieg neuer Mächte geprägt (gewesen) sei. Ebenso trugen und tragen nationalistische Mobilisierungen, wirtschaftliche Konkurrenz, Aufrüstung und Populismus zur Gemengelage bei. Kenntnisreich konstruiert der Autor Analogien etwa zwischen dem Machtverlust Großbritanniens vor 1914 und dem gegenwärtigen Wandel in der Rolle der USA. Wie sich Großbritannien der Herausforderung durch ein aufstrebendes deutsches Kaiserreich gegenübersah, so müssen sich die heutigen USA mit China auseinandersetzen. Westad sieht auch Parallelen zwischen dem Aufstieg Deutschlands ab 1871 und dem der heutigen Volksrepublik. Letztere war zu Zeiten Maos bis in die 1970er-Jahre noch ein Entwicklungsland, ist inzwischen aber wirtschaftlich und militärisch eine Weltmacht. Weitere Akteure, regionale Konflikte und die Schwächen internationaler Diplomatie ließen – damals wie heute – eine komplexe und fragile Situation entstehen. Westad konstruiert auf diese Weise ein System von Ähnlichkeiten und Dynamiken, in dem jede Krise den Anlass für eine weitere Eskalation bieten kann. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war das Attentat von Sarajevo der wesentliche Anlass für die Eskalation in der sogenannten Julikrise. Die Grenzen der Analogie Doch stellt sich dem Historiker die berechtigte Frage, wie ähnlich sich die Zeiten und die sie bestimmenden Machtstrukturen tatsächlich sind. Der Schwerpunkt in Westads Darstellung liegt vor allem auf der Konstruktion von dynamischen Systemen. Manche seiner Argumentationen wirken dabei holzschnittartig und arg zugespitzt. So unterscheiden sich die Entwicklungsgeschichten des Deutschen Kaiserreichs und der Volksrepublik China deutlich und spielten sich zudem in sehr unterschiedlichen regionalen Kontexten ab. Ferner kann man die Stellung Deutschlands 1914 strukturell kaum mit der heutigen Macht Chinas vergleichen. Westad betont in seiner Argumentation eher das Gemeinsame und lässt dabei einige historische Details außer Acht – etwa auch im Hinblick auf politische und militärische Entscheidungslogiken. Trotz mancher Schwächen ist das Buch lesenswert. Westad gelingt es, komplexe historische Entwicklungen einzuordnen und begreifbar zu machen. Das geht freilich nicht ohne Vereinfachungen vonstatten, die zwangsläufig Reibungsflächen für eine kritische Lektüre bieten. Gleichzeitig ist es plausibel, wenn der Autor davor warnt, dass Verstrickungen aus Großmachtdenken, Verlustangst, Radikalisierung, Rüstungsdynamik und scheiternder Diplomatie auch heute in eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes führen könnten. Auch wenn sich die weltpolitische Situation von 1914 zweifellos in wichtigen Hinsichten von der heutigen unterscheidet – dass man beide als multipolar, komplex und angespannt beschreiben kann, wird kaum jemand bestreiten. Der Leser wird herausgefordert, Analysen zur weltpolitischen Situation selbstständig zu hinterfragen und seine politische Urteilskraft zu schärfen. Das Buch ist durch ein Register erschlossen und eignet sich für historisch und politisch interessierte Leser.

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