Ewigkeitschemikalie TFA giftiger als gedacht – jetzt geraten viele Pestizide unter Druck
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat den Richtwert für TFA deutlich gesenkt. Das könnte die Landwirtschaft empfindlich treffen.
Ob im Trinkwasser, in Lebensmitteln oder sogar im menschlichen Körper: Trifluoressigsäure (TFA) ist inzwischen auch in der Schweiz flächendeckend nachweisbar. TFA ist eine extrem langlebige PFAS-Verbindung. Sie entsteht unter anderem beim Abbau bestimmter Pestizide und fluorierter Kältemittel. Bereits 2017 legte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) erstmals einen gesundheitlichen Richtwert für TFA fest. Nun verschärft sie ihre Bewertung deutlich. Sie senkt den gesundheitlichen Richtwert von 0,05 auf 0,014 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Das entspricht einer Senkung um rund 72 Prozent, wie aus einem kürzlich veröffentlichten Forschungsbericht der EFSA hervorgeht. Anlass für die Neubewertung von 170 Studien und Positionspapieren waren zahlreiche neue wissenschaftliche Daten, die seit der ersten Bewertung 2017 vorlagen. Darunter waren neue Tierstudien, die Hinweise auf Auswirkungen der Trifluoressigsäure auf die Entwicklung, die Fortpflanzung und insbesondere auf die Schilddrüsenhormone lieferten. Die Behörde prüfte insbesondere, welche gesundheitlichen Effekte sich aus den neuen Daten ableiten lassen. Die Auswertung brachte mehrere neue Erkenntnisse. Hinweise darauf, dass TFA das Erbgut schädigt, fand die EFSA keine. Als wichtigsten Befund wertete sie stattdessen Veränderungen des Schilddrüsenhormons Thyroxin. Dieses Hormon steuert unter anderem den Stoffwechsel und spielt eine wichtige Rolle für die Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems. In einer gross angelegten Rattenstudie sank der Thyroxin-Spiegel bereits bei vergleichsweise niedrigen Dosen. Dieser Befund erwies sich als der empfindlichste Effekt und bildete die Grundlage für den neuen Richtwert. In einer Entwicklungsstudie an trächtigen Kaninchen traten bei hohen Dosen Augenfehlbildungen bei den Föten auf. Weitere Studien lieferten Hinweise auf Effekte auf die männliche Fortpflanzungsfähigkeit. Ob diese Befunde auf den Menschen übertragbar sind, ist offen. Zudem fehlen Langzeitstudien. Ob der neue Richtwert zu Einschränkungen oder Verboten einzelner Pflanzenschutzmittel führt, ist offen. Die Europäische Kommission hat dazu bislang keinen Entscheid getroffen. Sie will den neuen Richtwert nun gemeinsam mit den EU-Mitgliedstaaten bei den weiteren Beratungen über Massnahmen zum Schutz der Verbraucher berücksichtigen. Für die Schweiz könnte ein allfälliger EU-Entscheid weitreichende Folgen haben – insbesondere für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Nach Angaben des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) waren 2025 insgesamt 28 Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe zugelassen, die sich potenziell zu TFA abbauen können. Entzieht die EU einem solchen Wirkstoff die Genehmigung, gilt dieser Entscheid auch in der Schweiz. Denn die Schweiz übernimmt generell die Genehmigungen für Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe nach dem EU-Recht. Neue Pflanzenschutzmittel mit diesen Wirkstoffen dürfen dann nicht mehr zugelassen werden, schreibt das BLV. Bereits zugelassene Mittel verschwinden jedoch nicht sofort vom Markt. Je nach Entscheid der EU und dem Risiko für Mensch, Tier und Umwelt gelten Übergangsfristen für Verkauf und Anwendung. Zu den wichtigsten TFA-bildenden Pestiziden in der Schweiz gehört Fluazinam. Das Fungizid wird vor allem im Kartoffel-, Zwiebel-, Obst- und Rebbau eingesetzt. Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt (BAFU) gehört es mit bis zu zehn Tonnen pro Jahr zu den am häufigsten verwendeten TFA-bildenden Wirkstoffen in der Schweiz. Wie stark ein möglicher Wegfall die Landwirtschaft treffen würde, hängt von der Witterung ab. «Besonders betroffen wären der Kartoffelbau sowie gewisse Bereiche des Gemüsebaus», sagt Sandra Helfenstein, Mediensprecherin des Schweizer Bauernverbands. Fluazinam sei vor allem für die Bekämpfung der Kraut- und Knollenfäule im Kartoffelanbau wichtig. In feuchten Jahren könne die Krankheit erhebliche Ertrags- und Qualitätseinbussen verursachen, 2024 habe es lokal sogar Totalausfälle gegeben. Im diesjährigen Sommer spiele der Wirkstoff dagegen kaum eine Rolle: «Der Krautfäule ist es zu trocken und vor allem zu heiss. Temperaturen über 30 Grad bekommen ihr nicht.» Wie ein Verbot eines solchen Wirkstoffs in der Praxis aussehen kann, zeigt Dänemark. Das Land ist bislang das einzige in Europa, das Pflanzenschutzmittel mit sechs Wirkstoffen verboten hat, die TFA bilden können, darunter auch Fluazinam. Für einige Produkte gewährte das Ministerium allerdings Übergangsfristen von bis zu 18 Monaten, wie die Umweltbehörde auf Anfrage schreibt. Gleichzeitig richtete das Ministerium zwei Arbeitsgruppen ein, die mögliche Alternativen zu den verbotenen Wirkstoffen identifizieren sollen. ( schweizheute.ch )
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