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Gurtenfestival – Wie Lily Allen ihren Sex-Skandal auf die Bühne bringt

Gurtenfestival – Wie Lily Allen ihren Sex-Skandal auf die Bühne bringt
Source:srf

Die britische Sängerin bringt ihr viel diskutiertes Album «West End Girl» auf den Gurten – und verzichtet auf alle Hits.

Kurze Zusammenfassung für alle, die ihr Leben fernab der Klatschspalten verbringen: Letzten Herbst veröffentlichte Lily Allen ihr erstes Album seit sieben Jahren. Doch «West End Girl» war nicht einfach ein gewöhnliches Comeback-Album. Es war eine schonungslose Abrechnung mit ihrem Ex-Ehemann, «Stranger Things»-Schauspieler David Harbour, und dessen Sex-Eskapaden. In 14 Songs, verpackt in ein gewohnt süssliches Popgewand, erzählt die britische Popsängerin chronologisch von dessen Grenzüberschreitungen: geheime SMS, heimlich für Affären gekaufte Handtaschen oder achtlos liegen gelassene, aufgerissene Kondompackungen inklusive. Das Internet war wochenlang im Ausnahmezustand. Über die Songs und ihre schonungslosen Enthüllungen wurde hitzig diskutiert – und «West End Girl» entwickelte sich zu einem der meistbesprochenen Popalben des Jahres. Alte Hits? Nein, danke! Seit März ist Allen mit dem Album auf Tour. Und zwar wirklich nur mit diesem Album. An ihren Konzerten – Festivals inklusive – spielt sie «West End Girl» vom ersten bis zum letzten Song durch. Ohne Zugabe, ohne Extrasongs. Eine mutige, gleichzeitig aber auch kontrovers diskutierte Entscheidung, die bereits nach den ersten Auftritten in ihrer Heimat dazu führte, dass Allen ihr Tourkonzept online verteidigen musste. Das Gurtenfestival kündigt ihren Auftritt denn auch ausdrücklich als «Lily Allen performs ‹West End Girl›» an. Doch ist dem Berner Publikum wirklich bewusst, dass es an diesem Donnerstagabend weder «Smile», «Fuck You» noch «The Fear» – Allens millionenfach gestreamte Hits aus den 00er-Jahren – zu hören bekommen wird? Begeisterung und Irritation Schon beim Intro wird klar: In den vorderen Reihen, dort wo man das Album kennt, liebt und wahrscheinlich jede Zeile schon hundert Mal vor- und rückwärts umgedreht hat, wird das Konzert vom ersten Ton an gefeiert. Wobei ... ist «Konzert» überhaupt der richtige Begriff für das, was Allen hier mitbringt? Eigentlich ist es vielmehr ein Ein-Frau-Theaterstück – inklusive Kostümwechseln und einer Barrage an Requisiten. Das Telefongespräch aus dem Eröffnungstrack? Wird selbstverständlich in ein altes Wählscheibentelefon gesungen. Und bei «Pussy Palace», einem der Höhepunkte des Albums, dort wo Allen die Zweitwohnung ihres Ex-Mannes besingt, steht auch die im Song erwähnte Plastiktüte mitsamt Sexspielzeug und Kondompackung auf der Bühne. Dafür gibt es Szenenapplaus. Je weiter man den Hügel hinaufblickt, desto kühler fällt die Reaktion aus. Dass Allen tatsächlich keinen einzigen ihrer alten Songs singt und auf jegliche Publikumsinteraktion verzichtet, sorgt bei jenen, die nicht primär wegen Lily Allen hier sind, sondern einfach Festival erleben wollen, für Konsternation. Aber genau das macht den Reiz dieses Abends aus. Albenshows dieser Art kennt man sonst eher von etablierten Klassikern auf Jubiläumstour. Dass Allen ihrem neuesten Werk so sehr vertraut, verdient Respekt. Das hier ist kein Drei-Minuten-Fast-Food, sondern ein bis ins kleinste Detail durchdachtes 14-Gänge-Menü. Streiten kann man sich einzig darüber, ob ein Festival der richtige Ort für eine Show dieser Art ist. Gut möglich, dass sie in einer bestuhlten Konzerthalle noch besser funktionieren würde.

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