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Ihr Vater war am Stauffenberg-Attentat beteiligt – wie Christa Funk-Finckh den Nazis entkommen ist

Ihr Vater war am Stauffenberg-Attentat beteiligt – wie Christa Funk-Finckh den Nazis entkommen ist
Source:nzz

Eberhard Finckh wurde vom NS-Regime in Berlin-Plötzensee ermordet. Das zeigen Dokumente, die erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seine Tochter war damals fünf Jahre alt. Später zog sie zu ihrer jüdischen Gotte nach Zürich.

Eberhard Finckh wurde vom NS-Regime in Berlin-Plötzensee ermordet. Das zeigen Dokumente, die erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Seine Tochter war damals fünf Jahre alt. Später zog sie zu ihrer jüdischen Gotte nach Zürich. Es ist der 20. Juli 1944, vor genau 82 Jahren. Die militärische Lage von Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg ist zusehends aussichtslos. Es ist der Tag, an dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Aktentasche mit einer Bombe im Führerhauptquartier Wolfsschanze platziert – in der Nähe von Hitler. Es ist der Tag des versuchten Staatsstreichs, den die Verschwörung von Wehrmachtsoffizieren um Stauffenberg in Berlin, Paris und Wien geplant hat. Es ist der Tag, der als bedeutendster Umsturzversuch des militärischen Widerstands in der Nazizeit in die Geschichte eingehen wird. Es ist der Tag, den der Nachschubchef des Westheeres in Paris, der 44-jährige Eberhard Finckh, herbeigesehnt hat. Und es ist der Tag, der Christa Funk-Finckh ihren Vater nimmt; die Nazis ermorden ihn. Schliesslich ist der 20. Juli mit ein Grund, weshalb die 87-Jährige in Zürich lebt. In einer Altersresidenz in Zürich Hirslanden geht eine elegante Dame gebückt am Rollator. Doch Christa Funk-Finckhs Augen haben etwas Jugendliches. Sie sagt: «Wenn mein Vater da war, war er liebevoll.» Doch meistens war er an der Front, als Quartiermeister der Wehrmacht. Er versorgte die Truppen mit Lebensmitteln, Munition, Kleidern. Die 87-Jährige hat kaum Erinnerungen an die Zeit mit ihrem Vater. Sie war gerade sechs Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Christa Funk-Finckh würde deshalb lieber über andere Themen reden. Über ihren Altersgenossen Rolf Lyssy. Der heute 90-jährige Regisseur drehte 1978 «Schweizermacher» – dieser Film war für sie als eingewanderte Deutsche interessant. Doch Schweizerin, sagt Christa Funk-Finckh, das sei sie nie geworden: «Das war damals zu teuer.» Mit ihrem Mann, einem deutschen Physiker, zog sie in Oerlikon zwei Söhne gross. Heute hat sie vier Enkelinnen. Manchmal holt sie die Vergangenheit ein. Dann, wenn Altersgenossinnen und -genossen über sie sagen: «Ach, eine Deutsche.» Der abschätzige Unterton stört Funk-Finckh: «Sie kennen die Hintergründe nicht.» Die Seniorin würde ihnen gerne erklären, warum sie in die Schweiz kam. Christa Funk-Finckh wird 1939 in Ulm geboren, im Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg beginnt. Ihre Mutter stammt aus einer deutschen Adelsfamilie. Den Nazis, die in den 1920er Jahren immer mächtiger werden, steht die Familie skeptisch gegenüber. Ihre Grossmutter Gertrud von Weyrauch muss während der Nazizeit wegen angeblicher kommunistischer Umtriebe in Berlin-Moabit ins Gefängnis. Ihre Grosstante Olga von Roeder ist die Lebensgefährtin der Berliner Golden-Twenties-Sängerin Claire Waldoff. Die Nazis schikanieren die Krawatte tragende «freche Göre». Ihr Vater Eberhard Finckh wird 1899 in Süddeutschland in eine Arztfamilie hineingeboren. Er ist fasziniert vom Militär. Als 17-Jähriger geht er im Ersten Weltkrieg freiwillig zur Artillerie. Er wird Berufsmilitär, später Wehrmachtsoffizier und Oberst im Generalstab. Er will dem Vaterland dienen. Aber mit den Nazis hat er von Anfang an Schwierigkeiten. Wie seine Tochter sagt, trat er nie in die NSDAP ein. In den öffentlich zugänglichen Karteien von deutschen Medienverlagen ist er tatsächlich nicht auffindbar. Als die Nazis 1933 die Macht ergreifen, lässt er sich nicht von der landesweiten Euphorie mitreissen. Wie ein Kamerad erzählte, soll er sich geweigert haben, «Heil Hitler» zu rufen, und soll stattdessen mit «Heil Artillerie» salutiert haben. Seine militärische Karriere verfolgt er trotzdem auch unter dem Naziregime weiter. 1936 heiratet er Annemarie von Weyrauch. Sie ist von Beruf Krankengymnastin. Die beiden werden drei Kinder haben. 1937 studiert Finckh an der Kriegsakademie in Berlin. Der damals nationalkonservativ eingestellte Claus Graf von Stauffenberg wird nicht nur sein Hörsaal-Freund, er wird später auch Pate von Finckhs Tochter Barbara, der jüngeren Schwester von Christa. Dann, 1939, bricht der Krieg aus. Finckh soll laut familiärer Überlieferung zu seiner Frau auf Schwäbisch gesagt haben: «Annemarie, des Kriegle hämmer verlore.» Trotzdem lässt er sich als Generalstabsoffizier beim Polenfeldzug einsetzen. In den Jahren danach weiht er sie in seine Widerstandsgedanken und Umsturzabsichten ein. Das Paar führt einen regen Briefwechsel. Eberhard Finckh kommuniziert verschlüsselt mit seiner Frau. Die Kinder erwähnt er oft, er nennt sie liebevoll «Möppele». 1942, nach dem Kriegseintritt der USA, schreibt er Annemarie: «Da muss halt bei Zeiten was geschehen. Der Hals ist leider nur zu gut. Vielleicht entwickelt sich mal wieder ein geschickter Gedanke zu Plan und Tat.» Meinte er mit «Hals» Hitler? Finckh weiss von den Konzentrationslagern. Wie detailliert er über die grausame Vernichtung der europäischen Juden informiert ist, bleibt bis heute unklar. Als er 1943 an der Ostfront in der Nähe von Winnizja von einer Massenerschiessung von 100 000 Juden hört, berichtet er einem anderen Militär davon: Zwei Generalstabsoffiziere hätten dies beobachtet. Die Hinrichtungen seien eindeutig geplant gewesen, die Exekutoren hätten SS-Uniformen getragen. Den Befehl dafür müsse von «Oberster Stelle» gekommen sein, also von Hitler. Finckh spricht später auch gegenüber seinem Vorgesetzten von über 100 000 ermordeten Juden. Doch Letzterer reagiert abweisend und sagt, Finckh sitze einer Propaganda-Intrige auf. Weiter wird offenbar nichts unternommen. Heute ist bekannt: Einsatzgruppen der SS ermordeten ab 1941 fast die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt. Die Nazis begingen während des Zweiten Weltkriegs Völkermord an sechs Millionen Juden. Finckh hat einen engen Freund, Hugo Weiss. Auch ihn weiht er in seine Widerstandsgedanken ein. 1943 will Hugo Weiss mit seiner jüdischen Frau Lotte aus Nazideutschland fliehen. Das ist zu diesem späten Zeitpunkt sehr schwierig. Finckh unterstützt die Familie bei der Flucht via Spanien nach Argentinien. Wie er das macht, weiss Christa Funk-Finckh nicht genau. Wahrscheinlich habe er ihnen in seiner Position als Oberst im Generalstab falsche Papiere besorgen können. 1955 zieht die Familie Weiss in die Schweiz. Später wird sie es sein, die Finckhs Tochter Christa hilft. Im Mai 1944 erhält Eberhard Finckh ein Kriegsverdienstkreuz. Dieses nimmt er an, obwohl er Hitler ablehnt. Dann, im Juni 1944, verbringt er einen dreiwöchigen Urlaub bei seiner Frau und den Kindern in Süddeutschland, bevor er nach Paris versetzt wird. Es wird ihre letzte gemeinsame Zeit sein. Aus einem Brief wird deutlich, dass er gerne länger geblieben wäre. Doch er bricht den Aufenthalt ab, um Stauffenberg in Berlin zu treffen. Dieser hat eine neue Position als Chef des Stabes beim Befehlshaber des Ersatzheeres erhalten, die ihm einen direkten Kontakt zu Hitler und damit konkrete Widerstandshandlungen ermöglicht. Der Graf weiht Finckh in seine Attentatspläne ein und übergibt ihm Befehle für den Staatsstreich. Danach reist Finckh nach Ostpreussen, wo er einigen wichtigen Militärs Stauffenbergs Vorhaben erklärt. Auch soll er gesagt haben, dass die Absicht bestehe, «sofort mit den Westmächten in Friedensverhandlungen einzutreten». Dann geht Finckh nach Paris. Dort informiert er den Cousin Stauffenbergs, Oberstleutnant Caesar von Hofacker, über den Stand der Vorbereitungen. Hofacker wird ein führender Kopf beim Umsturzversuch sein. Finckh schreibt jetzt täglich nach Hause, als ob er ahnen würde, dass die Pläne der Verschwörer tragisch enden könnten. In einem Brief vom 8. Juli 1944 heisst es: «Es wird sonst sowieso viel Schweres in der Zukunft kommen.» Finckh versammelt seine neuen Mitarbeiter in Paris an einem Anlass um sich. Seine kritische Haltung gegenüber dem Naziregime wird dabei deutlich. Ein anwesender Militär erinnert sich später, er sei «der energischste Vertreter der Aufstandsbewegung». Finckh wisse, dass dieser Krieg verloren sei, und er habe keinen persönlichen Ehrgeiz. Aber er kämpfe für einen erträglichen Frieden und die Zukunft der Kinder. «Seine Tischrede ist für die Hitlerzeit eine unerhörte Provokation: nichts vom Führer, nichts von der Partei, nichts vom ‹Dritten Reich›. Er trinkt nicht auf Adolf Hitler, aber auf eine bessere Zukunft und auf das deutsche Vaterland. Unter den Herren sind auch Nazis. Ich weiss nicht, ob der Oberst das wusste. Sie sind betreten und wechseln aufmerksam Blicke. Der eine von ihnen hat ihn nach dem 20. Juli verhaftet.» Nach dieser Zusammenkunft fiebert Finckh dem Anruf entgegen, der den Staatsstreich in Gang setzen soll. Der Militär trifft ihn erneut am 18. Juli und hält fest: «Er verlas den geplanten Aufruf an das deutsche Volk, den Befehl, die politischen Häftlinge zu entlassen und den ‹Deutschen Gruss› abzuschaffen. Finckh glaubte an das Gelingen des Staatsstreichs!» Am 20. Juli ist es so weit. Um 12 Uhr 42 explodiert in der Wolfsschanze in Ostpreussen die Bombe. Doch der Diktator überlebt leicht verletzt. Stauffenberg sieht die Explosion aus der Distanz. Er ist von Hitlers Tod überzeugt und fliegt nach Berlin. Dort landet er um 16 Uhr und telefoniert mit seinem Cousin in Paris, Caesar von Hofacker. Er versichert ihm, Hitler sei tot. Bald erhält auch Finckh einen Anruf. Die Stichworte «Übung» und «abgelaufen» fallen. Es ist der Code dafür, dass das Attentat gelungen ist. Finckh holt die vorbereiteten Pläne aus dem Panzerschrank und informiert den Chef des Stabes bei General Carl-Heinrich von Stülpnagel mit den vereinbarten Stichworten «Gestapo-Putsch» und «Hitler ist tot». Die Verschwörer lassen die Gestapo-Zentrale, die Quartiere des Sicherheitsdienstes (SD) sowie jene der SS räumen. Die Truppen nehmen über 1200 SS- und Gestapo-Angehörige gefangen, das verläuft reibungslos und ohne Blutvergiessen. Doch im Verlauf des Abends wird bekannt, dass Hitler das Attentat überlebt hat. Um 21 Uhr 30 muss Stauffenberg in einem letzten Telefonat nach Paris durchgeben, dass der Staatsstreich in Berlin fehlgeschlagen ist. Aber der Putsch in Paris läuft noch weiter. Finckh bemüht sich mit anderen Offizieren, General Stülpnagel davon zu überzeugen, die Aktion abzubrechen und zu vertuschen. Die Sprachregelung soll lauten: «Es war alles eine planmässig abgelaufene Übung.» Doch es sollte die Verschwörer nicht vor der Gestapo schützen. Um Mitternacht müssen die Putschisten die verhafteten SD-, SS- und Gestapo-Leute wieder freilassen. Um 0 Uhr 15 wird Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berlin von einem Erschiessungskommando hingerichtet. Kurz nach dem Attentat wendet sich Hitler im Radio an die Bevölkerung. Er sagt mit gellender Stimme, es habe sich bei den Verschwörern «um einen kleinen Klüngel Verbrecher» gehandelt, um «Elemente, die jetzt unbarmherzig ausgerottet werden». 600 Personen werden inhaftiert, über 100 werden zum Tode verurteilt und ermordet. Die Familien der Widerstandskämpfer werden in Sippenhaftung genommen. Viele Frauen der Verschwörer kommen ins Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit und ins Konzentrationslager Ravensbrück. Über den Aufenthaltsort ihrer Kinder lässt man sie im Ungewissen. Die über 15-Jährigen kommen ins Gefängnis, die Jüngeren werden unter anderem Namen in Heime deportiert. Am 25. Juli besucht Finckh ein letztes Mal eine Abendgesellschaft. Es ist jene seines Generalstabsarztes in Paris. Nach Mitternacht gehen die Gäste in «feucht-fröhlicher Stimmung» auseinander. Es ist der frühe Morgen des 26. Juli, als Finckh von dem Militär ins Hotel begleitet wird. Dieser schreibt in seinen Erinnerungen: «Er geht vor mir in die grosse Halle. Dort stehen in einer Ecke der Chef des Generalstabs, der Adjutant der Heeresgruppe und zwei SS-Leute. Sie treten auf ihn zu und fordern ihn auf, mitzukommen. Er dreht sich noch einmal nach mir um, dann geht er aufrecht die Treppe hinauf. Mir wird die Kehle eng. Ich stehe, bis er verschwunden ist. Ich habe ihn nicht wieder gesehen. Er war ein wirklicher Mann.» Am 27. Juli wird Finckh in Handschellen zum Zug nach Deutschland gebracht. Christa Funk-Finckh nimmt an, dass er nach der Ankunft in Berlin ins Gefängnis Plötzensee kommt. Am 24. August wird er aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Dann folgen die Verhöre. Unter welchen Umständen das geschieht, ist ungewiss. Es ist bekannt, dass die Gestapo zu Foltermethoden griff, um den Gefangenen Geständnisse abzupressen. Finckh wird gefragt, warum er Stauffenberg wegen seiner Verschwörerpläne nicht angezeigt habe. In den «Kaltenbrunner-Berichten» ist seine Antwort festgehalten: «Ich sagte mir, dass Stauffenberg recht haben könnte.» Am 29. August steht er vor dem Volksgerichtshof, der ihn am nächsten Tag wegen Hoch- und Staatsverrats verurteilt. Zusammen mit seinem Pariser Kameraden Stülpnagel wird er in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee mit dem Strang erhängt. Heute ist dort eine Gedenkstätte. Über den Tod ihres Mannes weiss Annemarie Finckh nur Vages, das ihr Bruder in Erfahrung bringen kann. Ohne ihr Informationen zu geben, kommt die SS nach der Hinrichtung in ihre Ulmer Wohnung. Fast alles wird durchsucht und beschlagnahmt. Annemarie Finckh ist klar: Sie ist Mitwisserin und gilt somit als Landesverräterin. Sie rechnet damit, dass sie in ein KZ deportiert wird. Christa Funk-Finckh sagt, ihre Mutter habe den Koffer schon gepackt gehabt. Aus mündlicher Überlieferung weiss sie, dass ein SS-Mann etwas Verdächtiges, vielleicht die Briefe ihres Ehemannes, vermutlich bewusst übersah. Diese hätten belegt, dass Annemarie Finckh Mitwisserin ist. Der SS-Funktionär soll zu seinem Kollegen gesagt haben: «Dort hinten ist gut, dort habe ich schon geschaut.» Nach der Hausdurchsuchung reist Annemarie Finckh mit den drei Kindern nach Oberbayern zu ihren Eltern. Erst Ende Oktober 1944 erhält Annemarie Finckh die offizielle Todesnachricht zugeschickt. Christa Funk-Finckh zeigt den Brief: «Der ehemalige Oberst i. G. Eberhard Finckh ist wegen Hoch- und Landesverrats vom Volksgerichtshof des Grossdeutschen Reiches zum Tode verurteilt worden. Das Urteil ist am 30. August 1944 vollstreckt.» Weiter heisst es: «Sein (also nicht Ihr) Vermögen ist dem Reich verfallen.» Und, besonders perfide: «Die Veröffentlichung einer Todesanzeige ist nicht zulässig.» Bis Dezember 1944 dauert es, bis Annemarie Finckh den Abschiedsbrief ihres Mannes zugestellt erhält. Jenen Brief, den er am Tag seines Todes im Gefängnis Berlin-Plötzensee an seine Frau geschrieben hat. Er beginnt mit den Worten: «Mein liebstes Mirl». Er belastet seine Frau darin in keiner Weise. Er schreibt so, als ob sie keine Ahnung von der Sache gehabt habe. Er richtet Worte des Dankes an alle Menschen, die ihm nahestanden. Annemarie Finckh spricht mit den Kindern nicht über die Ermordung des Vaters. Erst im Jugendalter erfährt Christa das genauer. Jahrzehnte weiss sie zudem nichts über den Abschiedsbrief. Doch als sie 1985 ihr Elternhaus räumt, weil sie es danach verkauft, findet sie den Brief in einer Kommode. Ihre Mutter hatte niemandem etwas davon gesagt. Auch nach dem Krieg ist die Stimmung in Deutschland feindselig gegenüber den Familien der Widerstandskämpfer. Annemarie Finckh nimmt in Stuttgart ihren Beruf als Krankengymnastin wieder auf. Die Kinder kann sie für ein halbes Jahr in die Obhut von Freunden in Bern geben. Doch die aparte Frau, die einst vor Lebensenergie strotzte, überwindet die Ermordung ihres Mannes nie. Auf Fotos wirkt sie traurig. Christa Funk-Finckh sagt über ihren Tod im Jahr 1979: «Sie starb früh, und sie starb in aller Stille.» Mit 18 Jahren will Christa Funk-Finckh weg aus Deutschland. Sie möchte nach Zürich. Hier gibt es eine neue Ausbildung für Ergotherapeutinnen. Ihre Gotte und der Freund ihres Vaters, Lotte und Hugo Weiss, leben dort. Hugo Weiss wird ihr Ersatzvater. Der Anwalt ist sehr vermögend und bezahlt Christa ihre erste Wohnung sowie die Möbel. Christa Funk-Finckh verkehrt oft bei ihnen. Sie ist beeindruckt, da die Familie stets über Hauspersonal verfügt. Sie bleibt in Zürich, arbeitet mit behinderten Kindern und gründet später selbst eine Familie. Mit einer Freundin aus der Ausbildungszeit steht sie bis heute in Kontakt. Erst 1992 wird das Urteil gegen Eberhard Finckh wegen Hoch- und Landesverrats aufgehoben. Christa Funk-Finckh ist sehr glücklich darüber. Sie zeigt einen dicken Ordner, in dem sie den Beschluss aufbewahrt hat. Darin heisst es über den «Volksgerichtshof»: «Die ‹Recht›-Sprechung diente nicht der Wahrung des Rechts, sondern der Erfüllung des ‹Führerwillens›. Eine derartige Institution steht in diametralem Gegensatz zur Aufgabe einer unabhängigen, nur dem Recht verpflichteten Judikative im Sinne des Grundgesetzes.» Christa Funk-Finckh sagt über den Nationalsozialismus: «Es war eine schlimme Zeit.» Eberhard Finckh habe dazu beitragen wollen, die Schreckensherrschaft zu beenden. Er hat mit seinem Leben bezahlt. Es gibt nur ein Foto, das Christa Funk-Finckh als Kleinkind mit ihrem Vater zeigt. Sie selbst kennt ihn aus Erzählungen, Bildern, Dokumenten. Sie sagt: «Er hat richtig gehandelt.» Florian Funk-Finckh: «Hier ischt Finckh!» – Oberst i. G. Eberhard Finckh. In: Der 20. Juli in Paris. Hg. von Bengt von zur Mühlen / Frank Bauer. Berlin 1995.

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