«Niemand braucht Mohair, um einen Teddy herzustellen!»: Die Tierschutzorganisation Peta protestiert gegen den Plüschtierhersteller Steiff in Zürich

Die Tierschutzorganisation Peta protestiert gegen den Plüschtierhersteller Steiff in Zürich
«Niemand braucht Mohair, um einen Teddy herzustellen!»: Die Tierschutzorganisation Peta protestiert gegen den Plüschtierhersteller Steiff in Zürich Zürich, Glockengasse, am vergangenen Dienstag. Es ist ein verschlafener Nachmittag in den Sommerferien. Nichts los auf dem Kopfsteinpflaster – bis auf ein eigenartiges Schauspiel vor dem Schaufenster eines Geschäfts, in dem auch Produkte der Plüschtiermarke Steiff verkauft werden: Eine Ziege liegt am Boden, über ihr kniet ein riesiger Teddybär. Er macht eine Handbewegung: Es sieht so aus, als rupfe er der Ziege das Fell aus. Blut fliesst ebenfalls – aus einem Tetrapak mit Randensaft. Die Szene könnte verstörend wirken, auch wenn die beiden «Tiere» nicht echt sind, sondern von Menschen in Kostümen verkörpert werden. Doch von der seltsamen Aktion nimmt kaum jemand Notiz. Drei Journalisten wohnen der Darbietung bei. Sie glaubten, im Sommerloch ein dankbares Thema gefunden zu haben. Passanten hingegen sind lange keine zu sehen. Es ist eine Demonstration fast ohne Zuschauer. Schockierende Videoaufnahmen Ein älterer Herr aus Irland lässt sich von einem Mann die Botschaft des «blutigen» Stücks erklären: Steiff verwende für seine Teddybären Mohairwolle von Angoraziegen aus Südafrika. Die Wolle dieser gelockten Tiere gilt als eine der feinsten Naturfasern überhaupt. Das Problem: Die Ziegen würden mit «brutalen» Methoden geschoren. Ein «neuer Enthüllungsbericht» der eigenen Organisation – die wenigen Demonstranten in der Glockengasse arbeiten für die Tierschutzgruppe Peta – habe das klar aufgezeigt. Die Videoaufnahmen des erwähnten Berichts sind in der Tat schockierend. Sie sollen auf einer Farm in Südafrika entstanden sein. Angoraziegen werden an den Vorderläufen oder am Schwanz gepackt, herumgeschleift, zu Boden gedrückt, mit riesigen Scheren traktiert. Manche tragen blutende Wunden davon, die notdürftig genäht werden. Vor der Prozedur werden die Tiere durch ein Wasserbecken getrieben, in dem sich eine Reinigungslösung befinden soll: Die Wolle muss gewaschen werden. Der Kopf der Ziegen wird unter Wasser gedrückt – mit einer Eisenstange. Schliesslich, so eine weitere Botschaft von Peta, müssen Angoraziegen so viel der begehrten Ware hergeben wie möglich. Die weichen Locken wachsen ihnen auch auf der Stirn. Die Schreie der Ziegen auf dem Video tun bereits beim Zuschauen weh. Vor allem die Laute der Kitze, die nach Angaben von Peta besonders feine Wolle liefern. Hält das Label, was es verspricht? Der Herr aus Irland nickt anerkennend. Dann zieht er weiter. Er verpasst damit den Höhepunkt der Kundgebung: Eine Aktivistin zückt ein Megafon und lässt die menschenleere Glockengasse wissen: «Wir sind heute hier, um auf eine unbequeme Wahrheit aufmerksam zu machen – diese Industrie ist von Gewalt geprägt!» Und: «Niemand braucht Mohair, um einen Teddy herzustellen!» Was das fehlende Publikum vor dem Schaufenster mit Steiff-Plüschtieren nicht mitbekommt: Die «Enthüllung» von Peta aus Südafrika ist nicht neu. Der Bericht und das Video dazu stammen aus dem Jahr 2018. Die Firma Steiff kommt in dem Beitrag nicht vor. Aber das kümmert die Frau am Megafon nicht. Für sie steht fest: «Die dokumentierten Missstände fanden nicht nur auf gewöhnlichen Farmen statt, sondern auch auf Betrieben, die mit dem sogenannten ‹Responsible Mohair Standard› zertifiziert sind.» Die Angabe lässt sich nicht überprüfen. Aber es ist klar, dass damit eine Spitze gegen Steiff gemeint ist. Das deutsche Traditionsunternehmen beruft sich bei seinen Mohair-Produkten auf dieses Label, genauso wie PKZ oder der Aargauer Garnhersteller Langyarns. Steiff weist auf Anfrage darauf hin, dass man Mohair ausschliesslich für ausgewählte Dekorationsartikel und Produkte für Sammler verwende und nicht für Teddybären für Kinder. Zu dem von Peta kritisierten Mohair-Label hält das Unternehmen fest: Man arbeite sorgfältig mit ausgewählten Lieferanten zusammen, auch mit Partnern in Südafrika. «Der Responsible Mohair Standard ist für uns ein wesentlicher Massstab» – ein international etabliertes Gütesiegel, das hohe Anforderungen an Tierwohl, verantwortungsvolle Landwirtschaft und transparente Lieferketten verlange. Zum herumgebotenen Video der Tierschutzaktivisten nimmt Steiff keine Stellung, da man Berichte Dritter grundsätzlich nicht kommentiere. Beim Branchenverband Swiss Textiles kennt man die Problematik. Organisationen wie Peta durchstöbern die Lieferketten bekannter Unternehmen, bis sie einen Zulieferer finden, der den Ansprüchen des betreffenden Qualitätslabels nicht genügt – und stellen den Abnehmer und seine Produkte öffentlichkeitswirksam an den Pranger. «Der Responsible Wool Standard ist bei unseren Mitgliederfirmen breit akzeptiert – dieses Siegel wird von Peta ebenfalls kritisiert», sagt Nina Bachmann, die Nachhaltigkeitsverantwortliche des Branchenverbands Swiss Textiles. Peta jedoch klage auf hohem Niveau, findet Bachmann. Ob Wolle oder Mohairwolle: Ein solches Label zu führen, sei allemal besser, als von vornherein darauf zu verzichten. «Internationale Gütesiegel helfen, Qualitätsstandards in Lieferketten durchzusetzen», sagt Bachmann. Das von der Stadtpolizei bewilligte Demonstratiönchen der Tierschutzaktivisten geht derweil ohne Zwischenfälle über die Bühne. Ein bisschen Randensaft verschütten, ein paar Flyer verteilen («Die Wahrheit über Wolle»), enttäuscht sein über die fehlende Resonanz vor Ort. Dann ziehen Teddy, Ziege und ihre nicht kostümierten Mitstreiter ab. Nach einer knappen halben Stunde ist der Peta-Spuk in der Glockengasse vorbei.
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