Opernrarität mit Witz und Wucht

Leoš Janáčeks Opernsatire „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ kommt bei den Bregenzer Festspielen unter der Leitung von Robert Jindra auf die Bühne. Yuval Sharon hat das skurrile Stück turbulent inszeniert.
Bregenzer Festspiele Opernrarität mit Witz und Wucht Bregenz • Lesedauer: 4 min. Selbst in Leoš Janáčeks tschechischer Heimat wird dessen Opernbirleske „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ selten gespielt. Jetzt setzt der 1920 in Prag uraufgeführte Zweiteiler bei den Bregenzer Festspielen einen parodistischen Kontrapunkt zur opulenten „Traviata“-Produktion auf der Seebühne. Eindrucksvoll bestätigte sich bei der Premiere im Festspielhaus mit dem großartigen britischen Tenor Peter Hoare in der Titelrolle, einem fantastischen tschechischen Gesangsensemble, dem Prager Philharmonischen Chor (Einstudierung: Lukáš Vasilek) und den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Robert Jindra die hohe musikdramatische Qualität dieses Ausnahmewerks. Jindra wurde in Prag geboren und hat am Konservatorium der Stadt seine Ausbildung als Sänger und Dirigent absolviert. Seit vier Jahren ist er erster Musikdirektor der Oper des Prager Nationaltheaters. Er muss es also wissen, wenn er meint, dass man da, wo er herkomme, jeden Tag hundert Broučeks begegnen könne. Die Hauptfigur des von Janáček bereits 1908 begonnenen Stücks sei ein typischer Spießbürger, der sich über alles beklagt, aber ansonsten in Ruhe sein Bier trinken will. Die motivisch dicht gearbeitete Partitur wartet mit einer hochoriginellen, für ihre Entstehungszeit eminent modernen Musik auf. Melodisch und rhythmisch orientiert sie sich flexibel an der tschechischern Sprache. Von Choralklang bis Blues Janáčeks experimentierfreudiger Orchestersatz leistet sich hier nicht nur Ausflüge in frühere Stilepochen, sondern versteht sich auch auf bluesige Phrasen, repetitives Maschinenmechanik, groteske Kontrabasseslinien, humorige Fagott-Staccati oder sarkastisch auskomponiertes Lachen. Altehrwürdiger Choralklang wird grell unterfüttert, fast filmmusikalische aufrauschende Spätromantik in schräges Licht getaucht. Viktor Dyks und František Procházka Sarafínskýs Libretto basiert auf zwei surrealen Romanen von Svatopluk Čech. Eine bunte Stammtischrunde sitzt im Wirtshaus „Vikárka“ auf der Prager Burg beim Bier und diskutiert über Kultur, Politik und Verschwörungstheorien. Bei skurrilen Traumszenen auf dem Mond und im hussitischen Prag um 1420 werden auch tschechische Nationalismen auf die Schippe genommen. Im Zentrum der turbulenten Handlung steht Matěj Brouček, ein engstirniger Hausbesitzer, der sich seinen Tagträumen hingibt und wider Willen in absurd-komische Abenteuer hineinstolpert. In Bregenz lässt der nordamerikanische Regisseur Yuval Sharon diesen bequemen Antihelden quer durch die Kunstgeschichte irren. Peter Hoare, der die anspruchsvolle Partie bereits in drei anderen Produktionen gesungen hat, sitzt zu Beginn selbstzufrieden zuhause vor dem Fernseher. Jon Bausor (Bühne und Kostüme) hat Broučeks Heim im Stil der Sechzigerjahre eingerichtet. Von der Wimmelbühne zum Raketenstart Links und rechts von dieser langweiligen Bude ist unter nächtlichem Sternenhimmel eine Häuserzeile zweidimensional mit weißen Linien auf schwarzem Grund angedeutet. Wie beim Ohnsorg-Theater gehen unablässig Nachbartüren auf und zu. Eine durchgenallte Wimmelgesellschaft hangelt sich permanent von einem Stelldichein zum nächsten. Später hebt Broučeks Häuschen wie eine Rakete ab, kippt kopfüber und bohrt sich mit der Spitze in den Mondboden. Dass Hoare bei diesem freischwebenden Manöver nicht nur auf den Beinen bleibt, sondern auch noch singen kann, nötigt Bewunderung ab. Bald wird der Erdling von seltsamen Kastenwesen umringt, die fremde Namen haben, aber merkwürdigerweise wie seine Prager Nachbarn klingen. Ein schwarzer Stern schwebt im All, Meteore fliegen an farbigen Laserstrahlen vorbei und auf einmal hängt der Nachthimmel voller Celli und Tuben. Anspielungen auf Stummfilme, Dadaismus und Stanley Kubricks „Odyssee im Weltraum“ stellen sich ein. Trotz dieser von Bausor fantasievoll eingesetzten Optik bekommt Sharon den langen ersten Teil des Stücks szenisch nicht in den Griff. Viel zu lang trippeln die futuristischen Mondbewohner zitternd oder wackelnd umher. Am Ende will der in einen Astronautenanzug gesteckte Raumfahrer nur noch nachhause zu Würtschen und Kraut. Überzeugender gelingt Sharon der Trip Broučeks ins Prager Mittelalter. Die Hussitenkriege schmecken dem Zeitreisenden freilich noch weniger. Als er mit Hellebarde gegen König Sigismund antreten soll, ruft ängstlich nach der Polizei. Kämpfe um längst veraltete Wahrheiten interessieren ihn nicht. Bausors aufwendig hergestellte historische Kostüme beeindrucken. Brouček aber ist froh, dass er dem bedrohlichen Szenario entkommt und schließlich wieder in Ruhe zuhause sein Bier trinken darf. Weitere Termine am 26. Juli um 11 Uhr und am 3. August um 19.30 Uhr im Festspielhaus; Karten: www.bregenzerfestspiele.com
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