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Ostfrieslands "Eiffelturm": Der höchste deutsche Leuchtturm?

Ostfrieslands "Eiffelturm": Der höchste deutsche Leuchtturm?
Source:gmx

Seit mehr als 100 Jahren weist der Campener Leuchtturm Schiffen an der Emsmündung den Weg.

Seit mehr als 100 Jahren weist der Campener Leuchtturm Schiffen an der Emsmündung den Weg. Wer das Bauwerk besucht, erfährt viele Details – und die Antwort auf die Frage nach einem Superlativ. Campen - 320 Stufen führen eine enge schwarze Wendeltreppe hinauf bis ganz nach oben. Wer die meistert, wird bei gutem Wetter mit einem weiten Rundumblick belohnt: Die Inseln Borkum, Juist und Memmert sind am Horizont zu erkennen, das Kohlekraftwerk in Eemshaven, Emden und sein VW-Werk. Diese Aussicht bietet der Campener Leuchtturm in der Gemeinde Krummhörn (Landkreis Aurich). "Höchster deutscher Leuchtturm" steht auf einer Tafel vor dem Eingang. Als Bauwerkshöhe werden 65,3 Meter angegeben – so steht es auch im offiziellen Leuchtfeuerverzeichnis des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Doch mit dem Rekordtitel sei das so eine Sache, sagt Peter Schneider – je nachdem, welche Definition man anwende: Die Bauwerkshöhe oder die Feuerhöhe, also in welcher Höhe ein Leuchtturm leuchtet, und ob man etwa Antennen mitbezieht. Schneider ist Leiter der Fachgruppe Nachrichtentechnik des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Ems-Nordsee und ein Kenner auf dem Gebiet von Leuchttürmen und Seezeichen. Gemessen an der Feuerhöhe sei der Leuchtturm Bastorf-Buk an der Mecklenburger Bucht mit rund 95 Metern noch höher, erklärt Schneider. Der Turm stehe allerdings auf einer Anhöhe, das Bauwerk selbst sei lediglich um die 20 Meter hoch. Und gemessen nach Bauwerkshöhe gilt - je nach Datenquelle - mitunter auch der Neue Leuchtturm auf Wangerooge als höchster deutscher Leuchtturm, etwa wenn eine UKW-Funkpeilantenne mitgerechnet wird. Doch das offizielle behördliche Leuchtfeuerverzeichnis führt den Turm mit lediglich 64 Metern Bauwerkshöhe. Damit ist er dem Campener Pendant um gut einen Meter unterlegen. Leuchtturm ist "touristisches Pfund" Die Touristikgesellschaft Krummhörn-Greetsiel nimmt die Rekordfrage entspannt, wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilt. "Für uns ist der Leuchtturm ein großes touristisches Pfund - gerade auch im Vergleich und im Verbund mit dem 11 Meter großen, prominenten Leuchtturm in Pilsum." Der ist auch als "Otto-Leuchtturm" bekannt. Der Campener Leuchtturm hole vor allem technisch interessierte Gäste ab, sagt der Tourismussprecher. Denn der Leuchtturm kann gegen Eintritt bestiegen und besichtigt werden – das ist in Deutschland laut WSA nur bei wenigen aktiven Leuchttürmen überhaupt möglich. Superlativ hin oder her: Auch abseits der Rekordfrage gebe es einige Facetten, die den Campener Leuchtturm zu einem besonderen Bauwerk machten, sagt Leuchtturm-Experte Schneider. Die Konstruktion Gebaut wurde der Leuchtturm 1889 als Stahlfachwerkkonstruktion – und das in nur fünf Monaten, erzählt Schneider. "Er ist zur gleichen Zeit wie der Eiffelturm errichtet worden." Wegen der Ähnlichkeit wird der Turm von den Ostfriesen mitunter liebevoll auch als "ostfriesischer Eiffelturm" bezeichnet. Früher seien Leuchttürme meist aus Stein gebaut worden, erklärt Schneider. Mit der im 19. Jahrhundert aufkommenden Stahlfachwerkbauweise ergaben sich jedoch Vorteile wie geringeres Gewicht und reduzierte Windlast. Der weiche Untergrund in Campen, ehemaliger Meeresboden, war für massive Bauwerke ungeeignet. Daher entschieden sich die Ingenieure für die Stahlfachwerkkonstruktion mit vier Fundamenten, die auf dem in etwa 14 Metern Tiefe liegenden Sandboden gegründet sind. In Deutschland gebe es mehrere ähnliche Leuchttürme mit solchen Stahlkonstruktionen. Aber keiner sei so groß wie der Campener Leuchtturm, sagt Schneider. Die Geschichte Zwei Jahre nach dem Bau wurde der Leuchtturm 1891 in Betrieb genommen. Denn in den 1880er Jahren hatten die Deutschen und die Niederländer beschlossen, die Emsmündung auch nachts befahrbar zu machen – und auch größere Schiffe sollten den Emder Hafen ansteuern können. "Da es in der Emsmündung immer wieder zu Havarien kam, haben die deutsche und die niederländische Seite gemeinsam ein Leuchtfeuersystem entwickelt", berichtet Schneider. Dazu zählte auch der Campener Leuchtturm. Zuerst sei der Leuchtturm mit zwei Dampfmaschinen betrieben worden, über die Kohlenstäbe in einer Bogenlampe abgebrannt wurden. 1906 wurden dann zwei 20 PS Dieselmotoren eingebaut – einer davon ist heute noch erhalten und betriebsbereit im früheren Maschinenhaus des Leuchtturms zu besichtigen, etwa am Tag des offenen Denkmals, in diesem Jahr am 13. September. Die Dieselmotoren luden Akkus auf, mit denen dann nachts das Leuchtfeuer betrieben wurde. 1932 wurde der Turm an das Stromnetz angeschlossen. Die Lichttechnik In der mehr als 100-jährigen Betriebsgeschichte hat sich die Lichttechnik des Campener Leuchtturms stetig weiterentwickelt – wie genau sie heute funktioniert, ist im Leuchtenraum im Turmkopf zu sehen. Anders als etwa bei den Leuchttürmen auf Borkum und Norderney gibt es in Campen keine drehende Optik, sondern seit 1976 ein sogenanntes Präzisionssektorenfeuer. "Das muss man sich vorstellen, wie einen übergroßen Diaprojektor", erklärt Schneider die Funktionsweise. Denn um Schiffen wie Autotransportern den Weg durch die Emsmündung Richtung Emder Hafen zu weisen, strahlt der Leuchtturm rund 40 Kilometer weit auf See. "Der Leuchtturm beginnt vom Festland aus gesehen hinter Borkum zu wirken. Das ist ziemlich weit draußen." Dafür muss das Licht einer 2.000 Watt starken Xenon-Hochdrucklampe, wie sie auch in Kinoprojektoren und Großscheinwerfern benutzt werden, stark auf einen extrem schmalen Strahl von nur 0,3 Grad gebündelt werden. Ein Spiegel lenkt das Licht durch eine spezielle Optik. Folgen Schiffe auf See diesem schmalen Leitsektor, navigieren sie sicher durch die Fahrrinne. "Wenn man auf den Leuchtturm zusteuert, dann sieht man bei korrektem Kurs weißes Festlicht", erklärt Schneider. "Kommt man vom Kurs ab, erscheint getaktetes Licht." Gemeint sind Blitze, die das Leuchtfeuer erzeugt. Dann müsse Steuerbord oder Backbord gegengesteuert werden, um wieder in die sichere Fahrrinne zu gelangen. Die Blitze entstehen durch sogenannte Kennungsräder, die sich vor der Lampe drehen. Das sind sich drehende Scheiben, in die Schlitze eingelassen sind. Während der Lichtstrahl für den Leitsektor die Optik mittig ungehindert verlässt und auf See strahlt, erzeugen die Schlitze der Drehscheiben an den Rändern die Blitze für die angrenzenden Warnsektoren. Jeder Leuchtturm an der Küste ist durch seine Kennung so eindeutig identifizierbar. Der Betrieb Leuchtturmwärter gibt es spätestens seit den 1970er Jahren nicht mehr auf den deutschen Leuchttürmen. Auch der Leuchtturm Campen wird durch die Verkehrsleitzentrale Ems in Emden an der Knock überwacht und ferngesteuert. Eine astronomische Uhr sorgt dafür, dass der Leuchtturm ab einer Stunde vor Sonnenuntergang bis eine Stunde nach Sonnenaufgang leuchtet. Trotz moderner elektronischer Navigationssysteme wie GPS seien die Leuchttürme für Seefahrer noch heute wichtig, sagt Schneider – auch als Redundanzen, sollten andere Systeme mal ausfallen oder mutwillig zerstört werden. Allerdings beschäftigt die WSA-Techniker derzeit die Weiterentwicklung der LED-Technik. "Leuchtfeuer stellen in diesem Bereich besondere Anforderungen", sagt der Leuchtturm-Experte. Klassische Leuchtmittel würden seltener, und auch die Zahl der Hersteller spezieller Leuchtfeuertechnik in Deutschland sei überschaubar. "Wo es technisch möglich ist, setzen wir bereits auf LED-Technik", sagt Schneider. Für die in Campen eingesetzte Xenon-Hochdrucklampe sei die Leuchtdichte von LEDs aber noch nicht hoch genug. Als Ersatz kämen LEDs daher für den Campener Leuchtturm, der übrigens zu den lichtstärksten Feuern an der deutschen Küste zählt, noch nicht infrage. Allein der Leuchtturm auf Helgoland sei noch deutlich lichtstärker, sagt Schneider und verweist damit auf einen weiteren Leuchtturm-Rekord andernorts.

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