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Rasche seziert in Salzburg Fausts multiple Seelen

Rasche seziert in Salzburg Fausts multiple Seelen
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Da geht er nun, der arme Tor: Wie viele Kilometer am Samstagabend auf der Halleiner Pernerinsel bei der Premiere von Ulrich Rasches "Faust"-Inszenierung im Rahmen der Salzburger Festspiele zurückgelegt wurden, lässt sich nur erahnen. Wie gewohnt hält der deutsche Regisseur sein Ensemble auf der Drehbühne ständig in Bewegung. Am Ende des fast vierstündigen Abends war auch klar: Es wohnen, ach! ganz schön viele Seelen in dieser Brust.

Rasche seziert in Salzburg Fausts multiple Seelen Da geht er nun, der arme Tor: Wie viele Kilometer am Samstagabend auf der Halleiner Pernerinsel bei der Premiere von Ulrich Rasches "Faust"-Inszenierung im Rahmen der Salzburger Festspiele zurückgelegt wurden, lässt sich nur erahnen. Wie gewohnt hält der deutsche Regisseur sein Ensemble auf der Drehbühne ständig in Bewegung. Am Ende des fast vierstündigen Abends war auch klar: Es wohnen, ach! ganz schön viele Seelen in dieser Brust. Lesedauer: 3 Minuten Vor drei Jahren hat Rasche Lessings "Nathan der Weise" als dreifach rotierende Ringparabel auf die Bühne gewuchtet, bei Goethes Klassiker beschränkt er sich auf eine Drehscheibe und einen - meist gegengleich - laufenden Ring. Doch das wahre Zentrum dieser Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater ist rechteckig: Zwei riesige, im Schnürboden (auf einem Ring) verankerte Lichtkästen dominieren den Bühnenraum und bilden einen schmalen Korridor, der als psychedelischer Geburtskanal fungiert. Sobald sich Steven Scharf als Faust hineinbegibt, spaltet sich seine Persönlichkeit auf und gebiert einen neuen Anteil. Persönlichkeitsspaltung mit Bildstörung Was genau in diesem geheimnisvollen Spalt vor sich geht, bleibt für die Zuschauer unsichtbar und wird via Live-Projektion inklusive Bildstörung auf die Außenwände des Korridors übertragen: Aus Faust schält sich nicht nur Mephisto (Valery Tscheplanowa), sondern auch ein junger Faust (Johannes Nussbaum) und schließlich auch Gretchen (Anna Drexler) und deren Bruder Valentin (Max Rothbart). Das war es dann auch an Personal, das Rasche für seine radikale Analyse der Faust'schen Psyche braucht. Fausts Famulus Wagner, Gretchens Nachbarin Marthe, die Hexe oder Gott braucht Rasche ebenso wenig wie berühmte Szenen wie den Prolog im Himmel, Auerbachs Keller, den Osterspaziergang oder die Hexenküche. Und so führt Faust zunächst noch mehr Selbstgespräche, als ohnehin geschrieben steht, und spricht auch schon mal den Text seiner ihm abhandengekommenen Gesprächspartner. "Das Problem von Faust ist, dass seine Abspaltungen sich ihm aufdrängen", erläuterte Rasche im Vorfeld. "Die große Tragödie besteht darin, dass Faust nicht erkannt hat, dass diese Anteile wahrgenommen und integriert werden müssen. Denn wenn wir sie nicht integrieren, schlagen diese Abspaltungen zurück. Wenn wir bestimmte Aggressionen und Triebe nicht als Teile von uns anerkennen, werden wir sie auch nicht beherrschen können." Und so ist es nicht eine Wette zwischen Mephisto und Gott, die das ganze Schauspiel ins Rollen bringt, sondern Fausts Blick auf eine Überwachungskamera, die ihm im Korridor gnadenlos einen Seelenspiegel vorhält. Ankämpfen gegen die Schwerkraft Also betritt Tscheplanowa, die 2023 bereits den Nathan verkörperte, in exakt demselben Anzug die Bühne, wie Faust ihn trägt. Als verspielt-lüsterner Persönlichkeitsanteil kitzelt sie aus dem alten Faust das dringende Bedürfnis heraus, das Studierzimmer noch einmal zu verlassen, um in der Außenwelt nach seinem Glück zu suchen. Steven Scharf gibt den alten Gelehrten dabei als einen mit jedem Schritt gegen die Schwerkraft (und die Rotation der Bühne) ankämpfenden, müden Mann, dem seine Gliedmaßen fremd geworden zu sein scheinen. Als dem Korridor mit Johannes Nussbaum ein beinahe jugendlicher Faust entspringt, hat Scharf jedoch nicht ausgedient. Wie Edward Norton in David Finchers "Fight Club" läuft er neben seinem deutlich attraktiveren Persönlichkeitsanteil her und spricht meist auch dessen Text, ohne zu begreifen, dass er selbst es ist, der all die Verbrechen begeht. Fausts Verbrechen materialisiert sich als Gretchen, das er schamlos ausnützt. Auch Anna Drexler tritt zunächst in Anzug und Krawatte als Fausts Alter Ego auf, das laut Rasche jenen Anteil darstellt, "der zu Beziehung, Vertrauen und wirklicher Begegnung fähig ist". Doch gewinnt sie immer mehr an eigenem Profil und widersetzt sich der gewohnten Lesart des armen Opfers des alten Mannes - am Ende jedoch erfolglos. Ausgebliebener Klimax Alfred Brooks steuert auch diesmal das wummernde, rhythmische Sounddesign bei, das sich in Kombination mit Gerrit Jurdas Lichtstimmungen immer wieder in lichte Höhen schraubt und schließlich einen vorzeitigen Klimax andeutet, der dann - schlussendlich muss die Geschichte fertig erzählt werden - doch ausbleibt. Das tut der Inszenierung, die sich in ihrer Radikalität stellenweise allzu gut gefällt, vor allem im zweiten Teil des Abends nicht gut. Immer mehr tritt die Maschine in den Vordergrund und stiehlt dem (keinen Körpereinsatz scheuenden) Ensemble bisweilen die Show. So ertappt man sich als Zuschauerin immer wieder dabei, einen Blick auf die englischen Übertitel zu werfen, um das Gesagte zu verstehen. Das ist schade, glänzt das Ensemble doch meist durch glasklare und zugleich emotional aufgeladene Artikulation der Verse, die in der letzten Stunde jedoch oft vom Sound verschluckt werden. Am Ende ist Faust ziemlich erschöpft und muss erkennen, dass er all seine Persönlichkeitsanteile nicht unter einen Hut bringen kann. Rasches Lesart, gepaart mit seiner immer noch faszinierenden Bühnenmaschinerie, bringt jedenfalls frischen Wind in die zahlreichen Klassikerneubefragungen. Das Publikum würdigte die Leistung mit herzlichem Applaus, unter den sich bei dieser ersten Neuproduktion der diesjährigen Salzburger Festspiele, die am Sonntag offiziell eröffnet werden, auch Jubel mischte. (Von Sonja Harter/APA) (S E R V I C E - Salzburger Festspiele: "Faust I" von Johann Wolfgang von Goethe auf der Halleiner Pernerinsel, Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater. Regie und Bühne: Ulrich Rasche, Kostüme: Annika Lu, Komposition/Ton-Design: Alfred Brooks, Licht: Gerrit Jurda, Video: Florian Seufert. Mit Steven Scharf (Faust), Valery Tscheplanowa (Mephistopheles), Anna Drexler (Margarete), Johannes Nussbaum (Junger Faust) und Max Rothbart (Valentin). Weitere Termine: 26., 28., 30. und 31. Juli sowie am 2., 3., 5. und 6. August, jeweils um 19 Uhr. www.salzburgerfestspiele.at/p/faust-i-2026) (Quelle: APA)

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