Spanische Exklave – Warum Zehntausende Migranten plötzlich nach Ceuta schwammen

Der Migrationsforscher Marcus Engler erklärt, was die Menschen antreibt, die zu Zehntausenden nach Ceuta aufbrachen.
Ausnahmezustand in Ceuta: Zehntausende Migranten sind innerhalb eines Tages von Marokko zur spanischen Exklave geschwommen. Der Migrationsforscher Marcus Engler sagt, was sie antreibt – und ob die marokkanische Regierung ein Interesse daran haben könnte, den Migrationsdruck auf Spanien zu erhöhen. SRF News: Weshalb machten sich Zehntausende Migranten auf den Weg in die spanische Exklave? Marcus Engler: Zum Teil wird das mit einem Urteil des Obersten Gerichts in Madrid in Verbindung gebracht. Demnach können Menschen, die in eine der Exklaven schwimmen, nicht pauschal abgeschoben werden. Es braucht ein individuelles Verfahren. Dieses Urteil ist aber schon drei Wochen alt. Insofern ist überraschend, dass gerade so viele Menschen aufgebrochen sind. Zentral ist, dass sich diese Menschen aus Marokko selbst und auch aus anderen Staaten ein besseres Leben erhoffen. Generell sind die Lebensperspektiven vieler dieser Migranten sehr schlecht. Dies auch angesichts einer grossen Wirtschaftskrise und Einschnitten bei der humanitären Hilfe. Diese vornehmlich jungen Menschen leben knapp ausserhalb von einem Gebiet mit grossem Wohlstand, von dem sie sich Zugang nach Europa erhoffen. Über die Jahre hat es immer wieder Versuche gegeben, nach Ceuta und Melilla zu gelangen. Die Zahlen sind jetzt sehr hoch. Aber das Muster war immer dasselbe. Gibt es andere mögliche Ursachen dafür, dass gerade jetzt so viele Migranten versuchen, nach Ceuta zu gelangen? Es wird spekuliert, dass auch geopolitische Interessen der marokkanischen Regierung oder von Akteuren wie Schmugglern eine Rolle spielen. Hier gibt es noch keine gesicherten Informationen. Zentral ist, dass sich diese Menschen aus Marokko selbst und aus anderen Staaten ein besseres Leben erhoffen. In den letzten zwanzig Jahren gab es immer wieder ähnliche Situationen. So zum Beispiel 2005 oder auch 2021 und zuletzt 2022. Damals reagierten die Sicherheitskräfte in Melilla mit grosser Härte. Mindestens 23 Migranten kamen ums Leben – und das sind nur die dokumentierten Fälle. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Sicherheitskräfte diesmal zurückhaltender waren. Womöglich wollten sie ein Blutbad verhindern. An der Situation dürfte sich auch in der Zukunft nichts ändern. Ausschlaggebend ist das extreme Wohlstandsgefälle. Auf der einen Seite der Grenze hat man keine Rechte. Auf der anderen Seite verspricht man sich Zugang zum europäischen Asylsystem. Kann eine derartige Situation in Zukunft verhindert werden? Solange Spanien an diesen Exklaven festhält, die ein Überbleibsel der Kolonialgeschichte sind, können die Grenzen nach Belieben weiter aufgerüstet werden. Und es kann Marokko auch noch mehr Geld zahlen. Strukturell bleiben die Anreize für die Migranten bestehen, nach Ceuta oder Melilla zu gelangen. Ich erwarte nicht, dass diese Menschen jemals das europäische Festland betreten werden. Könnte die marokkanische Regierung ein Interesse an den aktuellen Vorgängen haben? Tatsächlich setzen Regierungen in Nordafrika, aber etwa auch in Belarus oder der Türkei Migration als politisches Druckmittel ein: Sie geben ihre Zurückhaltung bei der Migrationskontrolle auf und lassen Leute passieren. Grundsätzlich ist denkbar, dass Rabat versucht, Druck auf Madrid auszuüben. 2021 gab es einige Hinweise darauf, dass es Marokko darum ging, die eigenen Interessen in der Westsahara von Spanien akzeptieren zu lassen. Können diese Migranten überhaupt nach Europa kommen? Ich erwarte nicht, dass sie jemals das europäische Festland betreten werden – bis auf ganz wenige Einzelfälle. Alle sind sich einig, dass dies nicht passieren wird. Sei es in Madrid oder anderen europäischen Hauptstädten. Das Gespräch führte Andris Owassapian.
This is a summary. Read the full article at the original source.
Read full article at srf
