Stimm- und Sprechtraining: Schöner reden – wie geht das?
Das entspannte Sprechen am Mikrofon kann man lernen, sagt die Psychologin Birte Heckmann. Ein Interview über Nervosität und raue Stimmbänder – mit Audio-Anleitung.
Wenn ein Radiosprecher oder Podcaster zu Ihnen ins Stimmtraining kommt, woran arbeiten Sie mit ihm? Ich würde erst einmal fragen: Was ist dein Ziel? Eine schöne Stimme – sodass die Leute gerne zuhören! Das ist ja individuell unterschiedlich. Es gibt kein universelles Ideal. Jeder von uns hat unterschiedliche Hörgewohnheiten und damit auch Vorstellungen davon, was attraktiv ist. Die meisten bevorzugen etwas, was ihnen vertraut ist: Frauenstimmen sollen lieblich, hell und etwas höher klingen, Männerstimmen tief und dunkel. Aber was genau das bedeutet, hängt von der Kultur ab. Zum Beispiel sind Frauenstimmen im asiatischen Raum im Mittel höher und in Skandinavien tiefer als bei uns. Die Stimme muss zur Kultur und zur Person passen. Doch selbst das gilt nicht immer. Hätten Sie ein Beispiel? Manche mögen es gerade, wenn ein Bruch entsteht; das macht eine Stimme interessant. Wir sind uns zwar einig, dass eine klare Stimme gesund klingt. Und wir empfinden es allgemein als unangenehmer, einer Stimme zuzuhören, die sich krank anhört. Aber auch eine raue, ungesunde Stimme können wir schön finden. Es gibt nicht das eine Schönheitsideal. Gibt es denn Merkmale der Stimme und Sprechweise, die eher unsympathisch wirken? Wenn wir nuscheln, wird das eher so interpretiert, als hätten wir etwas zu verbergen, wären unsicher oder nicht sonderlich interessiert: Das wirkt unsympathisch. Ebenso eine Sprechweise, die Arroganz und Überheblichkeit ausdrückt. Wie immer gibt es allerdings auch Leute, die genau das gut finden, was andere nicht mögen. Hätten Sie ein Beispiel? Meine Tochter hört stundenlang Podcasts, die ich nicht ertragen kann, weil die Leute sehr schnell und in Girlandensätzen sprechen, also am Ende des Satzes mit der Stimme nach oben gehen. Die machen nie eine Sprechpause, kommen nie auf den Punkt, reden immer weiter. Aber meine Abneigung dagegen hat auch mit meinen Hörgewohnheiten zu tun. »Wenn jemand immer wieder dieselben Füllwörter sagt, macht das viele Zuhörer wahnsinnig« Gilt das auch für Profis – haben die auch unterschiedliche Vorlieben? Sicher. Ich habe mal mit einem Radio-Trainee gearbeitet und ihn gebeten, Aufnahmen mitzubringen, die er mag oder gar nicht mag. Er spielte mir also etwas vor, und da sprach jemand so schnell, dass ich gar nicht folgen konnte. Ich sagte: Das ist echt schrecklich! Aber er fand gerade das total cool! Seine Hörgewohnheiten sind eben anders als meine. Viele junge Leute hören Sprachnachrichten ja auch in doppelter Geschwindigkeit ab. Was stört die meisten Leute beim Zuhören besonders? Eine monotone Sprechweise, lange Sätze, komplizierte Sprache. Dazu neigen wir vor allem, wenn wir von einem Skript ablesen. Dann bin ich nämlich nur bei dem, was ich vorbereitet habe – aber nicht bei dem, der mir zuhört. Wenn sich zwei Leute im Podcast oder im Radio wirklich miteinander unterhalten, in einem echten Austausch sind, dann passiert das normalerweise nicht. Aber viele Moderatoren und Podcaster sitzen allein vor dem Mikro und schreiben sich ihre Texte vor, oder sie haben einen Stichwortgeber, der auch nur vorgefertigte Fragen stellt. Und das hört man: Die Schriftsprache ist grammatikalisch weitgehend intakt, die gesprochene Sprache ist das nicht. Wenn wir mit anderen reden, drücken wir uns auch oft einfacher aus. »Keep it short and simple« – dieser Merksatz ist gut belegt, aber nicht immer so leicht umzusetzen. Auch bei einem Wissenschaftspodcast? Die Zuhörer suchen ja gerade nach herausfordernden Inhalten ... Selbst bei einem Wissenschaftspodcast will das Publikum nicht angestrengt zuhören müssen – sobald es anstrengend wird, schalten die meisten weg. Wer es ernst meint mit dem Podcasten, sollte deshalb auch in gute Technik investieren, weil sie das Hörerlebnis verbessert. Zur Basisausstattung gehört zum Beispiel ein sogenannter Popschutz vor dem Mikro, der unangenehme Sprechgeräusche wegfiltert. Angenommen, man hat die Zuhörer nicht gleich vertrieben. Wie redet man dann auch noch so, dass sie sich angesprochen fühlen? Wer seine Zuhörer fesseln will, muss Pausen machen. Nur dann kann eine Frage oder eine Aussage wirken. Das vermittelt ihnen das Gefühl, dass da wirklich jemand mit ihnen spricht. Als Hilfsmittel klebe ich mir ein nettes Bild an den Monitor und stelle mir vor, diese Person säße wirklich vor mir und ich wollte ihr etwas erzählen – dann gucke ich nicht mehr nur ins Skript. Es gibt zwar auch Menschen, die sogar im Dialog monoton klingen. Aber wenn sie von etwas erzählen, was sie wirklich interessiert oder bewegt, dann ändert sich auch bei ihnen die Satzmelodie. Was könnte noch helfen? Im Stehen sprechen. Das Zwerchfell im Bauchraum ist unser Atemmuskel. Ist es eingeklemmt, weil ich auf dem Stuhl hänge, bleibt mein ganzer Körper schlaff, und so höre ich mich dann auch an. Im Stehen habe ich mehr Raum für Gesten, das strukturiert die Sprache, beeinflusst die Sprachmelodie. Für den Fall, dass ich sitzen muss, weil ich irgendwo zu Gast bin, dann auf das vordere Drittel des Stuhls setzen, beide Füße auf den Boden stellen und das Brustbein aufrichten. Kurz: Stellen oder setzen Sie sich aufrecht hin, gestikulieren Sie, und wenn Sie kein echtes Gegenüber haben, stellen Sie sich jemanden vor und reden Sie mit ihm. »Das Schwierigste beim Sprechen am Mikrofon ist die Atmung« Wie ist es mit Füllwörtern: Kann und sollte man sich die abgewöhnen? Ja, das geht, und das sollte man, sofern sie überhandnehmen. Ein einzelnes Füllwort ist kein Problem. Aber wenn jemand immer wieder »tatsächlich« oder »genau« sagt – das sind derzeit die beiden Modefüllwörter –, dann macht das viele Zuhörer wahnsinnig. Und wie werde ich ein solches Lieblingswort wieder los? Mit einer einfachen Übung: Sie stellen sich einen Timer auf zwei Minuten. Und dann erzählen Sie etwas und sagen dabei das Wort bewusst immer wieder. Danach sprechen Sie noch mal über dasselbe Thema, aber versuchen, das Wort nicht zu sagen. Dadurch, dass Sie es vorher so oft ausgesprochen haben, bemerken Sie eher, wenn es kommt. Anstatt »genau« zu sagen, können Sie an der Stelle einfach eine Pause machen. »Bei einem falschen Lächeln krampft die Halsmuskulatur. Das klingt angestrengt und kann zu Stimmproblemen führen« Das klingt gar nicht so schwer. Was ist denn besonders schwer zu lernen? Das Schwierigste beim Sprechen am Mikrofon ist die geräuschlose Atmung. Aber auch daran kann man arbeiten. Der erste Schritt ist, den Mund in den Sprechpausen immer ein bisschen offen zu lassen. Das hilft auch bei einem ähnlichen Problem, dem Schmatzen, das entsteht, wenn man den Mund schließt und wieder öffnet. Zusätzlich kann ich mehr Sprechpausen einlegen, also am Ende jeder Sinneinheit einen Moment innehalten, entspannen: Dadurch löst sich das Zwerchfell, ich kann kurz »zwischenatmen«, ein Häppchen Luft nehmen. Auf diese Weise wird die Lunge nicht wie ein Blasebalg komplett leer gepustet und dann wieder neu aufgeblasen. Das zu lernen, braucht allerdings Zeit. Hätten Sie auch noch Tipps für eine gute Aussprache? Dafür kann ich Artikulationsübungen machen; damit trainiere ich die Beweglichkeit der Lippen und der Zunge. Klassisch sind »ptk« oder »bap-pap« – um präzise zu artikulieren und keine Buchstaben zu verschlucken, muss ich Tempo und Aussprache gut koordinieren. Eine gute Stimmübung ist auch der fließende Übergang vom stimmlosen »f« zum stimmhaften »w«. Damit wird der Stimmeinsatz weicher, das schont die Stimmbänder. © mit frdl. Gen. von Birte Heckmann Übung zur Beweglichkeit von Lippen und Zunge © mit frdl. Gen. von Birte Heckmann Übung zum Stimmeinsatz Was kann man direkt vor der Aufnahme machen, wenn man nervös ist? Die Stimme ist an den Körper gekoppelt, deshalb hilft es, den Körper durchzuschütteln und mit den Armen und Beinen zu wackeln. Ich kann auch mit den Lippen flattern, also wie ein Pferd schnauben. Wer das nicht auf Anhieb schafft: die Finger links und rechts mit leichtem Druck auf die Mundwinkel legen, damit klappt es besser. Und Gleittöne entspannen die Stimmbänder, sodass die Stimme nicht so nervös klingt. Dazu ziehe ich die Tonhöhe abwechselnd nach oben und nach unten. © mit frdl. Gen. von Birte Heckmann Übung zum Lippenflattern © mit frdl. Gen. von Birte Heckmann Übung zu Gleittönen Sollte man beim Sprechen eigentlich lächeln, weil die Stimme dann netter klingt? Wenn ich lächle, obwohl mir nicht danach ist, dann hört man das auch. Bei einem falschen Lächeln krampft die Halsmuskulatur mit, das klingt angestrengt und kann zu Stimmproblemen führen. Wie zeigen sich diese Probleme auf körperlicher Ebene? Es bilden sich Knötchen auf den Stimmbändern, das sind Verdickungen oder gutartige Wucherungen. Die Stimme klingt dann rau und heiser. Ursache kann alles sein, was die Stimmbänder überstrapaziert oder punktuell stark anstrengt: weil sie dann aufeinanderknallen, anstatt weich aneinander abzurollen. Dann hilft Stimmtherapie, um die Stimmtechnik zu verbessern und die Belastung zu mindern. Ganz wichtig: viel trinken, damit die Stimmbänder gut abrollen. Was bestimmt, wie eine gesunde Stimme klingt? Das liegt auch an der Anatomie des Sprechapparats. Der Stimmton entsteht, indem die Ausatemluft unsere Stimmlippen – umgangssprachlich nennen wir sie Stimmbänder – in Schwingung versetzt: Der Druck öffnet sie, und dabei entsteht Unterdruck, sodass sie sich gleich wieder schließen, und wieder von vorn. Wie schnell sie das tun, bestimmt die Tonhöhe. Lange und dicke Stimmbänder erzeugen einen tieferen Ton, denn sie schwingen langsamer, bei einem durchschnittlichen gesunden Mann etwa 120- bis 125-mal pro Sekunde, bei Frauen rund 190- bis 200-mal. Das allein wäre jedoch nur ein Summen. Der Stimmklang entsteht durch die einzigartige Form des Sprechtrakts oberhalb des Kehlkopfes, also Rachen, Mund- und Nasenraum: Sie bilden einen Resonanzraum. Dessen Form können wir sogar willentlich verändern, zum Beispiel, indem wir diesen Raum verengen, dann klingt die Stimme heller, und umgekehrt wird sie dunkler, wenn man den Kehlkopf nach unten bewegt und so den Raum vergrößert. Charakteristisch ist außerdem die Artikulation, also die Art und Weise, wie wir Sprachlaute bilden, beispielsweise die Lippen runden und die Zunge bewegen. Inwieweit lässt sich die Stimmhöhe verändern? Da kann man sehr viel machen; das liegt an jedem selbst. Durch das bewusste Herunterdrücken des Kehlkopfes etwa wird der Klang tiefer. Ein bekanntes Beispiel ist Margaret Thatcher: Sie hat trainiert, deutlich tiefer zu sprechen. Aber wenn heute jemand diesen Wunsch äußert, würde ich immer erst einmal fragen: Warum? Früher meinte man, dass nur tiefe Stimmen Kompetenz ausdrücken können; das ist heute nicht mehr so. Es geht heute viel mehr um eine authentische Stimme und Sprechweise. Und das ist gut so. Der Kehlkopf hat eine Basiseinstellung; auf Dauer ist es nicht gesund, ihn aus seiner natürlichen Position zu drücken. Ich habe lange Zeit mit Transfrauen gearbeitet, die aus einer tiefen eine hohe Stimme machen wollen. Manchen gelingt das relativ schnell, aber in der Regel braucht das viel Ausdauer. Und es geht immer auf Kosten der Stimmgesundheit, weil der Stimmapparat dafür nicht gemacht ist. Die Themenwoche »Podcasts« Podcasts sind für viele Menschen fester Bestandteil des Alltags. Was macht das Verhältnis zwischen Podcastern und ihrem Publikum so besonders? Wem hören wir gern zu? Und was macht eigentlich ein gutes Gespräch aus? Antworten geben nicht nur Forscherinnen und Forscher. Auch Fachleute aus der Praxis teilen ihre Erfahrungen: die Sprechtrainerin Birte Heckmann, der »Sternengeschichten«-Erzähler Florian Freistetter und der Gesprächskünstler Matze Hielscher von »Hotel Matze«. - Zuhören für Einsteiger: Kleine Einführung in die Welt der Podcasts - Motivforschung: Warum so viele Menschen Podcasts lieben - Deep Talk: Was ist ein schönes Gespräch, Matze Hielscher? - Wissenschaftspodcasts: »Man braucht kein Studio und keine Redaktion« - Stimm- und Sprechtraining: Schöner reden – wie geht das? - In eigener Sache: Podcasts aus dem Spektrum-Universum Wie hält man die Stimme im Alter fit? Manche Stimmen klingen noch im hohen Alter jung, andere altern früh. Das liegt teils in den Genen, teils aber auch am Lebenswandel: Wenn ich regelmäßig rauche oder harten Alkohol trinke, ist die Wahrscheinlichkeit nahezu 100 Prozent, dass die Stimme daran erkranken wird. Auch da bilden sich häufig Knötchen auf den Stimmbändern. Außerdem kann die Muskulatur der Stimmbänder im Alter erschlaffen. Doch ich kann sie trainieren, so wie den Rest des Körpers, damit sie stabil und flexibel bleiben. Etwa über Gleittöne, eine wichtige Übung für die Stimmbänder: anspannen und entspannen, stretch and relax. Das alles ist einiges an Arbeit. Vielleicht doch lieber ein paar Eigenheiten akzeptieren – wäre das nicht sogar sympathischer? Auf jeden Fall. Aber es ist immer eine individuelle Frage. Manche können es nicht ertragen, wenn im Podcast jemand lispelt. Die sagen: Da schalte ich sofort ab. Umgekehrt gibt es Leute, die das ganz charmant finden. Ich höre zum Beispiel gerne Robert Habeck zu: Er nuschelt, macht artikulatorische Fehler, aber er klingt authentisch, das finde ich angenehmer als bei perfekt ausgebildeten Sprechern. Bei zu viel Sprechtechnik spüren wir keine Persönlichkeit. Vielleicht finden wir eine Stimme im ersten Moment toll, aber dann verlieren wir das Interesse und hören nicht mehr richtig zu. Gerade in Zeiten von KI haben wir Menschen das Bedürfnis, die Person hinter der Stimme zu erkennen.
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