Unser neues Zuhause?
Beeindruckende Fotos und spannende Einblicke in die Erkundung des Monds bietet dieser Bildband. Bei einigen Themen gibt es leichte Abzüge in der B-Note. Eine Rezension
Knapp drei Pfund schwer ist dieser Bildband, in dem Thomas Uhlig und Christiane Heinicke – so der Untertitel – »Unsere Missionen für ein Leben im All« präsentieren. Uhlig ist beim DLR tätig und zudem Projektleiter bei der »LUNA Analog Facility« in Köln, Heinicke arbeitet am »Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation« (ZARM) der Universität Bremen und war Teilnehmerin einer einjährigen Mars-Analog-Mission auf dem Mauna Loa auf Hawaii. Optisch besitzt das Werk alle Eigenschaften eines veritablen »Coffee Table Book«. Auf dem vorderen Umschlagdeckel finden wir eine Bildmontage, deren Hauptelement ein Astronaut in der »LUNA Analog Facility« ist. Der Textanteil des Buchs ist moderat, es lebt hauptsächlich von den sorgfältig ausgewählten, qualitativ hochwertigen Bildern. Von wenigen Ausrutschern abgesehen, wird im Text nicht gegendert – was sehr angenehm ist. Über die reichlich bemüht wirkende Anmerkung im Impressum, dass »andere Geschlechtsidentitäten« bei der Verwendung des generischen Maskulinums ausdrücklich mitgemeint seien, kann man unter diesen Umständen gnädig hinwegsehen. Beeindruckende Bilder, kleine Mängel im Detail Im ersten Viertel des Buchs liefern die Autoren einen geschichtlichen Überblick zur mondbezogenen Raumfahrt. In diesem Teil gibt es eine Reihe kleinerer, aber für den »Normalleser« unauffälliger Fehler. So wird beispielsweise behauptet, dass es bis heute nicht klar sei, wie viele Anläufe die Sowjetunion brauchte, bis ihre ersten Luna-Sonden den Mond erreichten. Das stimmt nicht, denn alle Missionen, ob fehlgeschlagen oder erfolgreich, wurden von Boris Chertok in den vier Bänden seiner Erinnerungen »Rockets and People« akribisch beschrieben (und können auch in meinen Büchern zur sowjetischen Raumfahrt nachgelesen werden). Ganz aktuelle Entwicklungen, etwa zum Artemis-Mondprogramm der USA und insbesondere der Artemis-II-Mission aus dem April 2026, sind leider noch nicht im Buch enthalten (der Redaktionsschluss scheint im Herbst 2025 gewesen zu sein). Wir lesen auch noch vom inzwischen auf unbestimmte Zeit zurückgestellten »Lunar Gateway«, einer im Rahmen von Artemis geplanten lunaren Kleinraumstation. So wirkt das Werk an manchen Stellen bereits etwas »outdated«. Auf 30 Seiten wird über die ISS und das Leben auf dieser Raumstation berichtet. Ein kürzerer Exkurs widmet sich Rabea Rogge, der ersten deutschen Frau im All. Alles schön und auch sehr interessant, aber Themen wie diese findet man auch in eher allgemein gehaltenen Raumfahrtbüchern, die sich eben nicht auf Mondmissionen konzentrieren. Spannende Einblicke in LUNA Mein persönliches Highlight ist der etwa 50-seitige Abschnitt »Mondbasis konkret«. Hier kommt die Expertise der Autoren besonders zum Tragen. Wir lernen, wie wir uns das Leben in einer Mondstation vorstellen können, welche Gefahren dort lauern, und erfahren Details zur LUNA-Anlage in Köln, in der Astronauten auf ihre künftigen lunaren Außeneinsätze vorbereitet werden. Uns Deutschen wird – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – eine gewisse Affinität zur Bedenkenträgerei nachgesagt. Das erklärt vielleicht die längeren Passagen des Buchs über Regularien (das Artemis-Abkommen), Vorschriften, ethische Standards, Umweltschutz (»Müllplatz Mond«), rechtliche Rahmenbedingungen (insbesondere zu Eigentumsfragen) oder Beiträge zu Themen wie »Leben auf dem Mond als Spiegel unserer Gesellschaft«, »Zukünftiger Kriegsschauplatz« und »Nein zu invasiven Arten«. China, Indien und Japan unterrepräsentiert Diese Aspekte sind zwar nicht irrelevant, aber ebenso hätten die Autoren auch gut und gerne die kompletten 190 Seiten ihres Werks ihrem Kernthema, also dem »Weg zum Mond«, widmen können. Dies gilt umso mehr, wenn man den Blick auf das größte Manko des Buchs richtet: Chinas Weg zum Erdtrabanten ist geradezu dramatisch unterrepräsentiert. Das chinesische Mondprogramm konkurriert ja direkt mit dem Artemis-Projekt der Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit, dass China das zweite Rennen zum Mond gewinnen wird, ist sehr hoch. Doch darauf verwenden Uhlig und Heinicke nur zweimal je eine halbe Seite Text und einmal eine halbe Seite Bilder. Auch die spannenden und sehr beachtlichen indischen und japanischen Leistungen werden nur am Rande erwähnt. Sie erhalten insgesamt nicht mehr Raum als der Bericht über die im Rückblick belanglose »SMART«-Mission der ESA aus 2003 – Europas bislang einzigem unabhängigem Vorstoß in Richtung Mond.
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