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Wohnmobil gefällig? Die Winterthurer Stadtpolizei will einen rostigen Camper loswerden – und versteigert ihn im Internet

Wohnmobil gefällig? Die Winterthurer Stadtpolizei will einen rostigen Camper loswerden – und versteigert ihn im Internet
Source:nzz

Keine Probefahrt, keine Fahrzeugschlüssel und dennoch begehrt: Geschichte eines alten Fiat Ducato, der bei Ricardo durch die Decke geht – trotz 213 000 Kilometern auf dem Buckel.

Wohnmobil gefällig? Die Winterthurer Stadtpolizei will einen rostigen Camper loswerden – und versteigert ihn im Internet Keine Probefahrt, keine Fahrzeugschlüssel und dennoch begehrt: Geschichte eines alten Fiat Ducato, der bei Ricardo durch die Decke geht – trotz 213 000 Kilometern auf dem Buckel. Das Objekt der Begierde hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Am vergangenen Donnerstag war das gute Stück noch für einen Franken zu haben. Am Sonntagabend lag das jüngste Gebot bei 1405 Franken. Das entspricht einem Plus von sagenhaften 140 400 Prozent! Mit einer solchen Kurssteigerung seit Handelsbeginn kann nicht einmal SpaceX mithalten, das Raumfahrtunternehmen des Tech-Milliardärs Elon Musk. Dessen Aktie legte in den ersten vier Tagen nach dem Börsengang Mitte Juni lediglich 42 Prozent zu – ein lächerlicher Hüpfer im Vergleich zur Preisentwicklung jenes Fiat Ducato 290/14, den die Stadtpolizei Winterthur derzeit auf der Online-Plattform Ricardo feilbietet. Es handelt sich um ein Wohnmobil, Jahrgang 1990. Das Fahrzeug ist ganz in Weiss gehalten, mit schnittigen gelben Streifen an den Seiten und auf der Kühlerhaube. Kilometerstand: 213 657. So steht es auf dem Zähler auf dem Armaturenbrett. Laut Tacho schafft das Fahrzeug bis zu 160 Kilometer pro Stunde. Zwei Betten samt Matratzen und Kissen bieten Platz für zwei Erwachsene. Eine Kochnische und ein abgetrenntes Bad mit WC und Lavabo hat das italienische Modell ebenfalls zu bieten, wie Innenaufnahmen auf Ricardo zeigen. Und einen Ersatzreifen unter der Motorhaube. Allein, wie kommt die Stadtpolizei Winterthur dazu, ein Wohnmobil im Internet zum Kauf anzubieten? Ermittlungen post mortem Die Geschichte hinter der seltsamen Auktion ist eine von Hinterlassenschaften und kniffligen Ermittlungen post mortem. Und wie so oft im Leben kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich Altlasten stellen muss. Das gilt auch für die Winterthurer Stadtpolizei – aus einem einfachen Grund: Sie vermietet den Parkplatz in Winterthur, auf dem das Wohnmobil schon lange stehen dürfte. Die Vignette an der Windschutzscheibe deutet darauf hin, dass der Camper letztmals im Jahr 2020 auf Schweizer Autobahnen unterwegs war. Ein Kontrollschild fehlt. Der Mieter des Parkplatzes ist gestorben. Dennoch gelang es den Sicherheitskräften, über die Rahmennummer des Fahrzeugs den letzten registrierten Halter des Wohnmobils zu ermitteln – der wiederum einen Kaufvertrag vorlegen konnte: Er hatte den Fiat dem Mieter des Parkplatzes veräussert. Pflichtbewusst schreibt die Stadtpolizei in ihrem Online-Inserat: «Ob das Fahrzeug zum Zeitpunkt des Todes tatsächlich noch im Eigentum der verstorbenen Person stand, liess sich nicht abschliessend klären.» Zur Erbmasse des Verstorbenen – mit der sich ein Konkursamt zu befassen hatte – gehörte das Wohnmobil offenbar nicht. Das Amt gab den Fiat frei. Und die Polizei schritt zur Versteigerung. Es ist ein ungewöhnlicher Vorgang, wie eine Sprecherin der Stadtpolizei am Freitag auf Anfrage bestätigte. Die Ordnungshüter haben bei Ricardo eigens dafür einen Account angelegt. Sein schmissiger Name: «Stapowinti». Doch bei diesem Akt geht alles mit rechten Dingen zu, wie die Sprecherin am Telefon betonte. Man berufe sich auf Artikel 721 Absatz 2 des Zivilgesetzbuchs. Dort steht geschrieben: «Eine gefundene Sache darf mit Genehmigung der zuständigen Behörde nach vorgängiger Auskündung öffentlich versteigert werden, wenn sie einen kostspieligen Unterhalt erfordert oder raschem Verderben ausgesetzt ist.» «Ausgekündigt» hatte die Stadtpolizei ihr Vorhaben bereits vor zehn Tagen mit einer Medienmitteilung. Und «raschem (weiterem) Verderben ausgesetzt» dürfte der 36 Jahre alte Camper ebenfalls sein. Der Zahn der Zeit hat bereits tüchtig genagt an ihm. Die Motorhaube ist verstaubt, die Felge des Ersatzreifens verrostet. Aus dem Zustand des Fahrzeugs macht die Polizei kein Hehl, im Gegenteil. Interessenten werden schonungslos informiert. Denn, so ist in dem Inserat zu lesen, Fahrzeugschlüssel fehlen, einen Fahrzeugausweis gibt es ebenfalls nicht, und vor allem: «Es kann keine Probefahrt unternommen werden. Das Fahrzeug wird im gesehenen Zustand verkauft.» Man habe keine technische Prüfung vorgenommen. Das Wohnmobil müsse abgeholt «beziehungsweise abtransportiert» werden. Ein Privatjet für 1300 Franken Interessant ist eine weitere Note dieser Schrott-Geschichte: Der Fiat landete auch deshalb bei Ricardo, weil sich das Wohnmobil auf einem zwar von der Polizei vermieteten, aber dennoch privaten Parkplatz befindet. Daher klassifizierten die Winterthurer Behörden das Fahrzeug als «gefundene Sache», die gemäss Zivilgesetzbuch versteigert werden darf. Würde der Fiat dagegen auf einem Parkplatz im öffentlichen Raum vor sich hin gammeln, also in einer blauen oder einer weissen Zone, hätte ihn die Stadtpolizei nicht auf Ricardo gestellt. Dazu fehlte die gesetzliche Grundlage, sagte die Sprecherin. Herrenlose Fahrzeuge auf der Strasse werden eingezogen und – sofern die Besitzer nicht erreicht oder ermittelt werden können – «verwertet» oder wegen schlechten Zustands entsorgt. In Winterthur war dies im vergangenen Jahr etwa fünf Mal der Fall, wie die Sprecherin der Stadtpolizei weiter sagte. Meistens sei der Zustand dieser Autos derart schlecht, dass sie verschrottet werden müssten. Die Kosten dafür hätten die Besitzer zu tragen – falls man sie ausfindig machen könne. Viele dieser Autos stammten aus dem Ausland. Laut Amtsblatt des Kantons Zürich warten oder warteten derzeit 45 herrenlose Autos und Motorräder darauf, von ihren rechtmässigen Besitzern abgeholt zu werden. Und zwar innerhalb einer Frist von 30 Tagen seit Publikation der entsprechenden Mitteilung im Amtsblatt. Aufgeführt sind interessante Modelle, zum Beispiel ein Audi-Cabriolet A4, das seit Juli 2025 auf einem Parkplatz in Otelfingen stand. Oder ein BMW 318 mit ausländischem Kennzeichen, der in Dietikon sichergestellt wurde. Geradezu spektakulär war der Fall einer alten Cessna eines dubiosen Tessiner Geschäftsmanns. Der Privatjet stand jahrelang auf einem Stellplatz auf dem Flughafen Zürich herum. 2022 – nachdem das Bezirksgericht Bülach einem sogenannten Selbsthilfeverkauf zugestimmt hatte – wurde er zwangsversteigert. Eine Premiere sondergleichen. Der Flughafen und die Swiss schlugen gemeinsam zu, wie die Tamedia-Zeitungen damals berichteten. Kaufpreis: 1300 Franken. Die fluguntaugliche Maschine hat in einem Hangar eine neue Bestimmung erhalten. Sie steht angehenden Polymechanikern, Automatikern und Produktionsmechanikern der Airline für praktische Übungen zur Verfügung, wie die Swiss am Freitag auf Anfrage mitteilte. Zum Beispiel für Restaurationsarbeiten. Reparaturen dürften beim Wohnmobil in Winterthur ebenfalls nötig sein. Die Auktion bei Ricardo läuft noch bis kommenden Freitag um 12 Uhr. Dann gilt es ernst: Wird der Fiat Ducato vom siegreichen Bieter nicht innerhalb der folgenden zwei Wochen abgeholt, gibt es eine Konventionalstrafe in Höhe von 1000 Franken. Auch das steht in dem Inserat der Winterthurer Stadtpolizei.

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